Nachhaltige Denkmalpflege – Monumentenwacht – regelmäßige Inspektionen und Kontrollen mit sofortiger Kleinreparatur – Totalsanierung durch Vorbeugen vermeiden

Vortrag von Angus Fowler auf einer Tagung zu Vorpommerschen Guts- und Parkanlagen, organisiert vom regionalen Planungsverband Vorpommern am 27. Oktober 2005

Die regelmäßige Überprüfung von Autos durch TÜV ist heute zwingend verbindlich und selbstverständlich, weil lebenswichtig. Mit der eigenen Gesundheit ist es nicht immer selbstverständlich. Die regelmäßige Kontrolle von Denkmälern und anderen Gebäuden findet bis jetzt in Deutschland kaum statt. Der letzte, der Dritte Bauschadensbericht der Bundesregierung 1996 wies rund 85 Milliarden Euro Bauschäden durch fehlende Vorsorge und Behebung auf.

Kleine Schäden z. B. am Dach – fehlende Dachziegel, defekte oder verstopfte Dachrinnen – führen schnell zu großen Schäden, wenn nicht schnell behoben. Die Katastrophe kann dann schnell kommen, eine Totalsanierung muss erfolgen. Durch fehlende Kontrollen führten z. B. Kondenswasserbildung zur Schwammentwicklung durch totale Abdichtung und Isolierung in der frisch renovierten Dachkonstruktion der Schlosskapelle Weilburg a. d. Lahn (Hessen) zur nochmaligen Ausführung der Arbeiten in Höhe von heute rd. 500.000 Euro.

Vorbeugen mit regelmäßigen Inspektionen und Kontrolle und sofortigen Kleinreparaturen können daher spätere Totalsanierungen und große Instandsetzungsmaßnahmen ersparen. Durch diese bewusste nachhaltige Denkmalpflege können Ressourcen und Kosten gespart werden. In Deutschland ist es höchste Zeit, dass eine langfristige dynamische, flächendeckende Strategie entwickelt wird, um die immer knapper werdenden öffentlichen Finanzmittel zu schonen und gezielter einzusetzen.

Dafür gibt es inzwischen mehrere Vorbilder:

Seit mehr als 30 Jahren gibt es in den Niederlanden (gegründet 1973), seit etwa 15 Jahren in Flandern/Belgien Monumentenwachten.

Entstanden aus besorgten privaten, auch kommunalen, kirchlichen und staatlichen Eigentümern. Organisiert zunächst als Vereine, heute als Stiftungen, in den Niederlanden mit je einer Stiftung in den einzelnen Provinzen des Landes mit einer Dachstiftung.

In den Niederlanden werden von der Monumentenwacht Nederland heute bereits rd. 17.000 Gebäude (bei einem Bestand von rd. 51.000 eingetragenen Denkmäler in den Niederlanden, d.h. bereits ein Drittel davon) betreut: mehr als 3.500 (fast alle) Kirchen und Türme, 750 Schlösser und Gutsanlagen, 7.500 Häuser und landwirtschaftliche Gebäude, über 600 Windmühlen und 2.650 andere Gebäude.

Insgesamt 12.377 Gebäudeeigentümer (Stand: 2006) sind – nach der Möglichkeit des niederländischen Stiftungsrechtes – Mitglieder der Monumentenwacht Nederland bzw. ihrer einzelnen Provinzstiftungen, der Mitgliedsbeitrag beträgt rd. 45 Euro jährlich, der Preis für Inspektionen einschl. kleinere sofortige Reparaturen ist durchschnittlich 25 Euro pro Stunde + Materialkosten wo notwendig. Für größere Gebäude (Kirchen, Schlösser usw.) wird notwendiges Material (wie Dachziegel, Schiefer usw.) durch die Monumentenwacht eingekauft und an Ort und Stelle zur späteren Nutzung gelagert, um unnötige kleinere kurzfristige Einkäufe zu vermeiden. Mehrwert- bzw. Umsatzsteuer wird nicht berechnet, da die Arbeit praktisch zum Wohl des Staates bzw. im staatlichen Auftrag geschieht und so vom Niederländischen Finanzministerium anerkannt wird.

Der bauliche Zustand wird gründlich erfasst, die Gebäude kontrolliert, notwendige Kleinreparaturen ausgeführt, dann erfolgen meist jährliche Kontrollinspektionen und weitere notwendige Kleinreparaturen. In den Niederlanden führen inzwischen über 50 Teams zu je zwei Personen die Inspektion durch, ausgestattet mit kleineren Last-bzw. Lieferwagen mit Computern (zur Erfassung und nachfolgenden Kontrollinspektionen) sowie mit notwendigem Reparaturwerkzeug und Material.

Für die Eigentümer werden Berichte erstellt mit Empfehlungen und Kostenschätzungen für größere kurzfristige, mittel- und langfristige notwendige Reparatur- bzw. Instandsetzungsmaßnahmen, die von Fachfirmen unter Leitung qualifizierter denkmalpflegerisch arbeitenden Architekten ausgeführt werden. Das Personal der Monumentenwacht Nederland besteht aus ausgewiesenen Facharchitekten und Bauingenieuren und als Inspektoren – eigens dafür ausgebildete – junge Bautechniker, die physisch in der Lage sind, in und auf Gebäuden sich leicht zu bewegen und zu klettern – sowohl Männer als auch Frauen.

Befürchtungen von Architekten und Handwerkern, dass die Monumentenwacht Nederland ihnen durch Wettbewerbsverzerrung Arbeit wegnehmen würde, kehrten sich eher ins Gegenteil. Es gab sogar mehr Arbeit, Aufträge und Einkommen für alle.

Wichtig dabei war stets die neutrale Unabhängigkeit und die Gemeinnützigkeit der Monumentenwacht. Die Zusammenarbeit mit den zuständigen Denkmalschutzbehörden und offiziellen Stellen ist trotzdem jedoch eng. Maßgebend war auch die anfänglich große Unterstützung durch das Niederländische Finanzministerium, das bereits vor 30 Jahren den Vorteil vorbeugender Maßnahmen einer nachhaltigen Denkmalpflege erkannt hat. Die Kosten für Inspektionen und sofortige Reparaturen und Mitgliederbeiträge für Eigentümer wurden bewusst niedrig gehalten, um bezahlbar und attraktiv zu sein, um neue Mitglieder zu werben.

Inzwischen macht der niederländische Staat bzw. die amtliche Denkmalpflege Mitgliedschaft in der Monumentenwacht Nederland mit den daraus folgenden regelmäßigen Inspektionen, Kontrollen und Reparaturen zur zwingend verbindlichen Pflicht, wenn überhaupt staatliche Zuschüsse für Renovierungsmaßnahmen in Anspruch genommen werden sollen.

Für Bodendenkmäler gibt es auch die Archäologische Monumentenwacht in den Niederlanden

Die Monumentenwacht Flandern bietet hervorragende Betreuung bzw. regelmäßige Inspektionen auch für Innenausstattungen, Möbel, Gemälde usw. an – besonders wichtig für die reiche Ausstattung katholischer Kirchen oder von Schlössern und Herrenhäusern.

In England besteht das Projekt „Maintain Our Heritage“ (Unser Erbe unterhalten!). Dessen Untersuchungen bei einem Modellprojekt in Bath (West-England) haben ergeben, dass Eigentümer doch nicht genug – selbst im traditionsbewusstem England – zur Unterhaltung ihrer Gebäude tun, so dass die Einrichtung eines Inspektionsdienstes dringend notwendig ist. Zur Zeit wird ein System für regelmäßige Inspektion und Reparatur von Kirchen in Zusammenarbeit mit den kirchlichen Versicherungsträger erarbeitet.

In Dänemark besteht das Center for Bygningsbevaring.

In Deutschland gibt es bis jetzt keinen flächendeckenden Inspektionsdienst zumindest für Denkmäler. Einige der Schlösser- und Gartenverwaltungen bzw. Staatsbauämter führen teilweise Kontrollen durch. In Rahmen von so genannten „Facility Management“ und Hausmeisterdiensten werden z. B. einige Neubauten unterhalten und kontrolliert.

Nach dem Vorbild der Monumentenwacht Nederland in enger Verbindung an der Provinz Groningen arbeitet als Projekt für 3 Jahre bereits der Monumentendienst Niedersachsen (Teil der Stiftung Kulturschatz Bauernhof) mit finanzieller Unterstützung des Landes Niedersachsen (inkl. Denkmalamt), der Niedersachsen Stiftung und mit EU-Mitteln. Nach etwa einem Jahr Arbeit des Monumentendienstes werden inzwischen rd. 250 Gebäudeeigentümer betreut, zwei Arbeitswagen (wie in den Niederlanden) sind vorhanden, es bestehen schon Verbindungen zu Trägern der Brandversicherung.

Der Altbau- und Denkmalservice e.V. (ADS) (Fulda) mit Schwerpunkten in Hessen und Sachsen-Anhalt hat im Auftrag der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) ein Handbuch erarbeitet und ein Computerprogramm zur Erfassung und Kontrolle erstellt, das schon vom Monumentendienst Niedersachsen verwendet wird.

Im Rheinland besteht inzwischen die Bauwacht e.V. mit Sitz in Xanten, seit etwa drei Jahren die DenkmalWacht Brandenburg-Berlin e.V., die jetzt einen Inspektionsdienst entwickeln will und Ausbildungskurse durchführt, sowie und der Denkmal- und Altbaudienst Baden-Württemberg e.V.

Seit dem zweiten Bundestreffen Ende August 2005 in Brandenburg/Havel sind diese Organisationen in der Bundes Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Denkmal- und Altbau-InspektionsDienste (BAUDID) verbunden. Vorrangiges Ziel ist es, einheitliche Kriterien und Standards in Deutschland zu entwickeln. Betreut werden sollten zunächst gerade bzw. in letzter Zeit renovierte Gebäude, um sie regelmäßig in Stand zu halten – sowohl eingetragene Denkmäler wie auch andere denkmalwürdige und historische Gebäude bzw. Altbauten, die nicht erfasst sind. Auch Neubauten könnten betreut werden. Instand zu setzende Gebäude könnten auch erfasst und kontrolliert werden, Empfehlungen und Kostenschätzungen für die notwendigen großen Instandsetzungsmaßnahmen formuliert werden, um Architekten und Fachfirmen mit der Ausführung zu beauftragen.